Wie lässt sich die Moderne durch Klang konzeptualisieren? Wie lassen sich der globalen Geschichte der letzten 250 Jahre durch einen Fokus auf Klang spezifische kulturelle Verflechtungen und Konflikte, Sinn- und Gesellschaftsstrukturen, Techniken und Wissensformen, Subjekt- und Körperkonstitutionen ablauschen, die in bisherigen Auseinandersetzungen mit der Moderne übertönt wurden, für diese aber außerordentlich prägend waren? In der Abteilung Musikwissenschaft und Sound Studies der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn wird diesen Fragen im DFG-Projekt „Synkopierung und Volumen. Sondierungen einer sonischen Moderne“ (2022-2024) nachgegangen.
Dem von der DFG geförderten Forschungsprojekt „Synkopierung und Volumen“ liegen zwei Thesen zugrunde: (I.) Nicht nur Musik hat eine Geschichte, sondern auch ihr Klang. Klanggeschichte geht dabei nicht völlig in Musikgeschichte auf. Sie lässt sich als Geschichte von medien- und kulturspezifischen Klangkonzepten rekonstruieren. (II.) Spezifische Klangkonzepte sind mit eigentümlichen Konzeptionen der Moderne verbunden resp. artikuliert.
Die Teilprojekte des Vorhabens entwickeln diese Thesen unter dem Schlagwort einer synkopierten Moderne von 1890 bis 1930 (TP I) sowie einer voluminösen Moderne von 1920 bis 1945 (TP II). Ausgangspunkte bilden dabei die vor allem zeitliche Konzeption von Klang als temporalisierte Entität (TP I) sowie die vor allem räumliche Konzeption von Klang als voluminöse resp. weiträumige Entität(TP II). Als Schlüssel zur Analyse der Klangkonzepte dient ein Korpus aus historischen sonischen Medientechnologien und Instrumenten, historischen Fachzeitschriften und Manualen, fiktionalen Diskursen, Musikstücken und Klangaufnahmen und historischen Selbstzeugnissen. Eine sonische Moderne ist nicht nur eine klanglich artikulierte Moderne, sondern vor allem eine zu herkömmlichen kultursoziologischen Theorien der Moderne alternative Moderne, die in Bezug auf Klangkonzepte beschreib- und analysierbar wird. Ziel des Forschungsprojekts ist also weniger die Analyse von Klang in der Moderne, sondern primär die Sondierung einer Klang-Moderne, die über die Begriffe Synkopierung und Volumen in ihrer Spezifik konturiert werden soll. Hierfür kombiniert das Forschungsprojekt Theoriebildung mit materiellen Detailanalysen.
Theoretisch und methodisch verbinden die beiden Teilprojekte Perspektiven und analytische Zugriffe, die unterschiedlichen, oft kaum miteinander in Berührung stehenden Feldern entstammen. Dies entspricht der Zielsetzung und Überzeugung, dass eine auf Klang fokussierte Untersuchung der Moderne eines innovativen Zugangs bedarf und dafür interdisziplinäre Schnittstellen ergründen muss. Das Projekt ist an den Schnittstellen von Musikwissenschaft, Sound Studies und Kulturtheorie verortet und möchte diese Felder miteinander in Beziehung setzen. Diese Triangulation wird über medienwissenschaftliche und kulturwissenschaftliche erreicht. Zum einen werden Medientechnologien mit Hilfe medienarchäologischer Ansätze untersucht, um zu ergründen, inwiefern Klangkonzepte mit historisch-spezifischen Medialitäten in Verbindung stehen, dass Klangkonzepten also medientechnische Operationen (der Speicherung/Codierung, Formatierung/Prozessierung und Übertragung/Distribution von Klängen) und Elemente materieller und technischer Kulturen zugrunde liegen. Andererseits werden Diskurse, Praktiken, ökonomische wie gesellschaftliche Strukturen und damit verbundene Macht- und Wissenskonfigurationen im Sinne der Cultural Studies untersucht, um zu beleuchten, wie Klangkonzepte innerhalb spezifischer symbolischer Ordnungen und Sinnstiftungsprozessen ihre Ausprägung finden.
Die Sound Studies sollen als missing link zwischen den eigentlich quer zueinander liegenden Feldern der Medienarchäologie und Cultural Studies. Klang bzw. Klangkonzepte beherbergen hier ein außergewöhnlich eigentümliches epistemologisches Potenzial, das diese beiden Ebenen miteinander verschränken kann.
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