Teilprojekt I: „Synkopierte Moderne. Zur Konzeption von Klang als temporaliesierte Entität, 1890-1930“

Das Teilprojekt I untersucht die Konzeption von Klang als temporalisierteEntität. Temporalisierung bezieht sich auf die (mikro-)zeitliche Organisation der Klanggestaltung. Diese zeitliche Gestaltung wurde zum zentralen Merkmal neu aufkommender Musikformen der Dekaden um 1900. Ragtime und früher Jazz rückten rhythmische Verschiebungen (quer zur Betonung des Akzentstufentaktes) sowie Mikrotiming in den Mittelpunkt. Aber besonders auch durch neue Technologien der Klangspeicherung und -wiedergabe wurde diese Organisation der Klanggestaltung mitgeprägt. Eine diesbezüglich aufschlussreiche Medientechnologie bildet den Ausgangspunkt von TP I – die Klavierrolle für automatische Klaviere. In Bezug auf diese wird die Temporalisierung von Klang im als afro-amerikanisch rezipierten Repertoire im deutschsprachigen Raum untersucht.

Die These zur Konzeption von Klang als temporalisierte Entität lautet, dass in den Jahren von 1890 bis 1930 Klanggestaltung und -erfahrung an neue Prinzipien von Zeitlichkeit gekoppelt wurden, die mit Umbrüchen in den Bereichen Wissenschaft, Musik, Politik und Arbeit verbunden waren. Im temporalisierten Klang manifestierte und transformierte sich die Moderne in einem Spannungsverhältnis um einerseits die Standardisierung und Rasterung von Zeit (wie etwa auf der Makroebene der Einführung der Weltzeitzonen, aber auch auf der Mikrobebene durch millisekundengenaue Auflösung und Kontrolle) zum Zwecke der Effizienzsteigerung und Präzisierung und andererseits um darauf bezogene Aussetzer, unkontrollierbare Zeitsprünge und „Fehler“, die musikalisch in Ragtime und Jazz als maschinelle (Mikro)Rhythmen ästhetisiert wurden.

Mit dem Fokus auf die Klavierrolle für automatische Klaviere setzt das Teilprojekt ein sehr spezifisches Medienformat in den Mittelpunkt: gelochtes Papier bzw. die Lochkarte. Die Lochkarte wurde ab Ende des 19. Jahrhunderts in vielen gesellschaftlichen Bereichen (bspw. Volkszählungen, Datenverarbeitung bei Unternehmen, wissenschaftlichen Untersuchungen, Fertigung von Produkten) als Werkzeug der Standardisierung, Effizenzsteigerung und Synchronisation von zeitlichen Abläufen eingesetzt. Die gestanzten Löcher der Lochkarte war auf Vereinheitlichung und optimierte Lesbarkeit von Daten (statistischer Art) oder Steuerungsbefehlen (bspw. in Maschinen wie in Jaquard-Webstühlen) ausgerichtet. Im musikalischen Bereich war die „Lochkarte“ der Klavierrolle zwar zunächst auch als eine Technologie gedacht, die der zuverlässigen und diskreten Codierung von Klang diente: die Löcher steuerten die Mechanik des Klaviers an und „drückten“ die Tasten automatisch herunter. Hier konnte im Mikrobereich operiert und kontrolliert werden, wann Töne einsetzen und aussetzen sollten. Musikalische Zeit wurde damit auf dieser Mikroebene neuartig addressierbar, was erhebliche Konsequenzen für die Musikpraxis und -ästhetik hatte. Gleichzeitig entzog sich die Klavierrolle immer wieder der „perfekten“ Konrtolle von Zeit: es kam hier auch zu eigentümlichen Fehlern, wie leichten zeitlichen Schwankungen, die der Materialität der Klavierrolle geschuldet waren. Die Klavierrolle sonifizierte somit durch eine „klassische“ Medientechnologie der Rationalisierung und Standardisierung immer auch das genaue Gegenteil dieser Prozesse: den Ausfall der rationalisierten und standardisierten Zeitordnung.

Das Teilprojekt geht diesen Phänomenen nach und argumentiert, dass diese Ästhetisierung der „Fehler“ eine für die Moderne eigentümliche Dialektik darstellte. Die „Lochkarte“ der Klavierrolle stand, anders als in den anderen Lochkartenverwendungen, mit ästhetischen Diskursen und Praktiken in Verbindung. In Verbund mit dem Player Piano konnte sie sowohl als Inbegriff des technischen Fortschritts und der Kontrolle, aber eben auch als ästhetische Zeitmaschine der „bewussten“ Imperfektion gesehen, gehört und gespielt werden.

Das Teilprojekt beinhaltet die Digitalisierung von Klavierrollen und die Entwicklung des Analysetools Microtime Machine. Die Lochungen der Klavierrollen werden zunächst digital abfotografiert und anschließend in MIDI-Files umgerechnet, die sich mit einem Standard-Piano Roll-Editor in Digital Audio Workstations ansehen und anhören lassen. Das Tool stellt Funktionen für die Analyse der in die MIDI-Files resp. den Klavierrollen codierten Zeitmuster zur Verfügung, von denen dann auf die Materialität, Medialität und Interpretation, also die zeitkritische Operativität des Ein- und Abspielens, Vervielfältigens und Editierens der Klavierrolle zurückgeschlossen werden kann. Mit dem Tool werden Perspektiven der Digital Humanities an Medienarchäologie angeschlossen. Es lässt sich zeigen, wie die Lochungen diskrete Zeitkerben abbildbar, beschreibbar bzw. intelligibel machten und schließlich besonders im Hören und im Umgang hervortraten. So verlagerten die Klavierrollen den Fokus imHörens und Spiel mit der Zeitdimension von KLang, was das Projekt als Klangkonzept der Temporalisierung beschreiben möchte.

Daran angeschlossen werden Diskursanalysen und das Studium von Quellen, die das Klangkonzept der Temporalisierung in Bezug zum Wissen und Praktiken disparater gesellschaftlicher, ökonomischer und politischer Felder setzt.

Kooperationspartner*innen

Zur Klavierrollendatenbank und zum Tool

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