Teilprojekt II: „Voluminöse Moderne. Zur Konzeption von Klang als weiträumige Entität, 1920-1945“

Das Teilprojekt untersucht eine voluminöse Moderne von 1920 bis 1945. Ausgangs- und Endpunkt hierfür sind ausgewählte Medientechnologien der elektronischen Klangverstärkung – Röhrenverstärker, Mikrophone, Großlautsprecher. Die Beschallungsanlagen, in denen diese Technologien integriert waren, wurden seit den späten 1910er Jahren entwickelt und waren seit Mitte der 1920er Jahre vermehrt im Einsatz. Mit solchen Anlagen erhielt Klang ein am elektronischen Verstärker steuer- und regulierbares Volumen, welches mit dem Volumen neuer Klangräume zusammenfiel. Solche Räume schlossen zum Teil Hundertausende von körperlich kopräsenten Menschen ein.

Das Projekt nimmt mehrere Dekaden in den Blick. Trotzdem kommt es immer wieder auf einen engen Zeitraum zurück: die Olympischen Sommerspiele, die vom 1. bis zum 16. August 1936 in Berlin stattfanden. Diese sechszehn Tage dienen als eine Art Brennglas für die Analyse zentraler Aspekte einer voluminösen Moderne. Eingestiegen wird in diese Analyse über eine Klang- und Musikgeschichte der diversen Lautsprecheranlagen der Olympiade 1936 bzw. der durch diese eröffneten voluminösen Räume – besonders des monumentalen „Reichssportfelds“. Von hier aus geht es auf Exkursion zu Orten der Arbeit (Fabriken, Büros, Börsen) und der Wissenschaft (akustische Laboratorien), aber auch des Nachtlebens (Ballsäle, Tanzklubs und Bars).  

Forschungsleitend ist die These, dass verstärkt zwischen 1920 und 1945 Praktiken der Klangerzeugung und -wahrnehmung mit neuen Prinzipien von Räumlichkeit und Raumerfahrung artikuliert wurden, die mit maßgeblichen kulturellen Umbrüchen in den Feldern Wissenschaft, Musik, Politik, Arbeit verkoppelt waren. Oder anders formuliert: Im ausgedehnten Klang manifestierte und transformierte sich die Moderne als voluminöse Moderne in einem zentralen Spannungsverhältnis rund um ein dynamisches Raumkonzept der Expansion und Massenhaftigkeit. Durch das Zusammenfallen von Raum- und Klangvolumen entstand ein dynamischer Klangraum, der auf leibliche Kopräsenz setzte und der sowohl auf eine überwältigende als auch auf eine hintergründig-atmosphärische Wirkung hin angelegt sein konnte. Die voluminöse Moderne erscheint politisch hochgradig ambivalent. Zum einen resoniert sie mit Totalitarismen, zum anderen umfasst sie die Problematisierung eben jener.

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