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Werk: „Wilm-Wilm. Fox trot“
Komponist*in: Wilhelm Wieninger
Hersteller: M. Welte & Söhne
Produktionsort: Freiburg im Breisgau
Rollennummer: 3385
Interpret*in: Hans Renner aka John Runner
Sammlung: Andreas Schmauder
Verlag der Notenvorlage: keine Angabe
Veröffentlichungsjahr (Notenvorlage): keine Angabe
Tonumfang: keine Angabe
Stanzdatum: keine Angabe
Rollenbezeichnung: Welte / Reproduktionsrolle
Was verbirgt sich hinter einer Welte T100-Rolle (rot)?
Die Firma M. Welte und Söhne aus Freiburg im Breisgau (ab 1912 auch als M. Welte & Sons Inc. als US-amerikanischer Ableger mit Sitz in Poughkeepsie, New York) spezialisierte sich ab 1904 auf so genannte „Reproduktionsrollen“. Im Unterschied zu den Rollen für so genanntes Kunstspielklavier (z.B. Phonola, Pianola) war bei diesen Rollen nicht vorgesehen, dass ein*e Spieler*in am Interface des Klaviers (durch Betätigung der Hebel und Pedale) eigene Gestaltungen vornahm und in das musikalische Geschehen eingriff. Stattdessen sollten diese Rollen vom Klavier selbsttätig abgespielt werden (hier ganz ähnlich wie bei den Systemen von Ampico, Duca von Philipps, Tri-Phonola von Hupfeld und Duo Art von Aeolian). Um eine Vollautomatisierung zu gewährleisten, war in den extra von Welte gebauten Reproduktionsklavieren von Beginn an ein Elektromotor eingebaut.
Welte war die erste Firma, die diese Reproduktionsrollen herstellte und hatte für deren Produktion im Jahr 1904 das erste Aufzeichnungsklavier entwickelt, mit dem nicht nur die Töne, Tondauern und das Timing der Pianist*innen aufgezeichnet werden sollten, sondern auch die Dynamik (Anschlagsstärke). Es ist bis heute nicht endgültig geklärt, wie diese Aufzeichnung der Dynamik funktioniert hat und in der Forschung ist umstritten. Dieser Vorgang wurde von der Firma tunlichst unter Verschluss gehalten und entsprechende Unterlagen gelten als verschollen. Wie bei den Einspielungen durch Aufzeichnungsklaviere anderer Hersteller (Ampico, Hupfeld, Aeolian), darf jedoch auch hier davon ausgegangen werden, dass jede eingespielte Rolle von einer/einem Editor*in nachträglich begutachtet wurde und Lochungen (für Dynamik oder falsch sitzende Töne) korrigiert bzw. ergänzt wurden. Da auf einer fertigen Reproduktionsrolle alle wesentlichen Dynamikinformationen enthalten sein sollten, sollte sie, nach Selbstdarstellung von Welte, das „orignale“ Spiel einer/eines (Star-)Pianist*in unverfälscht wiedergeben bzw. reproduzieren können, was aber ob des nachträglichen Editierprozesses niemals völlig zutraf.
Welte entwickelte für seine Reproduktionsrollen ein System, das besonders auf eine ausgeklügelte Abstufung der Dynamik abzielte: Das Papier war in 100 Lochspuren eingeteilt (dafür steht die Bezeichnung T100), wovon 80 Spuren einzelne Klaviertasten ansteuerten (C1 bis g4). Von den verbleibenden 20 Spuren waren jeweils 10 Spuren für die Bass- und die Diskantbetonung (je am linken und rechten Rand der Rolle) zuständig.
Auf Welte T100-Rollen dominierte klassisch-romantisches Repertoire, oft eingespielt von bekannten Pianist*innen. 1924 führte Welte Rollen mit Bezeichnung T98 ein, die im Gegensatz zu den rot eingefärtbten T100-Rollen auf grünes Papier zurückgriffen (auch Welte grün genannt). Auf diesen Rollen war dann vornehmlich populäre Musik eingespielt, womit Welte auf die in den 1920ern gestiegene Nachfrage für populäre Musik wie Jazz, Kabarett-Songs oder auch Schlager antwortete.
Literatur u. Links:
Hocker, Jürgen. 2009. Faszination Player Piano. Das selbstspielende Klavier von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bergkirchen: Edition Bochinsky, S. 97ff.; S. 128; S. 182.
Köpp, Kai. 2016. „Das Reproduktionsklavier. Zwischen Musikinstrument und Medium“. In: Spiel (mit) der Maschine. Musikalische Medienpraxis in der Frühzeit von Phonographie, Selbstspielklavier, Film und Radio herausgegeben von Marion Saxer. Bielefeld: transcript, S. 157-175.
Deutsches Museum München: https://digital.deutsches-museum.de/projekte/notenrollen/rollentypen/welte_rot_t100/
Faszination Pianola: https://www.faszinationpianola.de/wie-sieht-eine-welte-t100-rot-notenrolle-aus/
Vorgeschlagene Zitierweise: Notenrollen für selbstspielende Klaviere / Scans und Audioemulationen des DFG-Projekts Synkopierung und Volumen, erstellt von Marc Widuch in Zusammenarbeit mit Sebastian Bausch und Peter Phillips, bearbeitet von Jens Gerrit Papenburg, Steffen Just und Carla Christine Jürgens, https://sonic-modernity.net/2023/02/03/rolle-3385/, Version vom 10.02.2023.
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